Postbelege können weit mehr sein als historische Zeugnisse des Postverkehrs. Sie erzählen Geschichten über eine Stadt, ein Land und die Menschen, die dort gelebt und gearbeitet haben. Das zeigt die Sammlung historischer Postbelege aus Straelen von Otto Weber, der die insgesamt 27 Bände nun im Stadtarchiv Straelen deponiert hat.
Das ursprüngliche Ziel der Sammlung war es, anhand von Postbelegen bestimmte Zeitperioden und historische Ereignisse zu dokumentieren. Die Bandbreite reicht von der markenlosen Zeit vor 1850 über die ersten Briefmarken Preußens und die Zeit des Norddeutschen Bundes ab 1868 bis zu den Reichspostvorläufern von 1871 und den ersten Briefmarken des Deutschen Kaiserreichs ab 1872.
Auch bewegte Zeiten der jüngeren deutschen Geschichte spiegeln sich in den Belegen wider: die Hochinflation von 1922/23, postalische Notmaßnahmen nach den beiden Weltkriegen, die sogenannten 10fach-Frankaturen nach der Währungsreform von 1948 sowie die zunehmende Postautomation der Neuzeit. Karten, Umschläge, Quittungen und andere postalische Dokumente zeigen dabei, wie sich der Postverkehr und seine technischen Voraussetzungen verändert haben.
Zur Sammlung gehören nicht nur Belege aus Straelen selbst. Auch die Ortsteile Herongen und Niederdorf sind anhand ihrer Poststempel vertreten. Hinzu kommt die Dienstpost von Stadtverwaltung, Kirchen und Zollämtern – Dokumente, die einen Einblick in die Aufgaben und Strukturen vergangener Zeiten geben.
Besonders spannend ist der Blick auf die damalige Bedeutung der Eisenbahn für den Postverkehr. Manche Straelener Belege tragen nicht den Stempel des örtlichen Postamtes, sondern einen Bahnpoststempel. So wurden Briefe und Karten unter anderem mit der Reichsbahnstrecke Venlo–Haltern über Geldern und Wesel befördert, wobei auch am Straelener Bahnhof Post angenommen wurde. Hinzu kommen Belege der Kleinbahn Kempen–Straelen–Kevelaer mit einem seltenen Bahnpoststempel.
Wie eng Post, Verkehr und Alltag miteinander verbunden waren, zeigt ein Beispiel besonders anschaulich: Eine Bestellung aus Cuxhaven konnte über die Bahnstation Straelen nach Wankum gelangen und dort tag-genau ankommen. Solche Belege machen deutlich, welche Bedeutung die Bahn für den Transport von Waren und Nachrichten hatte.
Doch die historischen Dokumente erzählen nicht nur Postgeschichte. Sie können zum Ausgangspunkt für weitergehende Fragen zur Stadtgeschichte werden. Was bedeutete beispielsweise die Hochinflation für Straelen? Wie wirkten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse auf Sparkasse, Gewerbe und Bürgerschaft aus? Und welche Spuren hinterließen politische Umbrüche im Alltag der Menschen?
Auch die Zeit der Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich anhand der Sammlung nachvollziehen – etwa durch Karten mit Stempeln der belgischen Feldpost.Ein weiteres Beispiel führt direkt in die Geschichte des Straelener Stadtzentrums: Auf einer Ansichtskarte trägt der heutige Marktplatz die Bezeichnung „Adolf-Hitler-Platz“. Ein solcher Beleg wirft Fragen auf: Welche Straßen und Plätze wurden in Straelen umbenannt? Welche Begründungen wurden dafür angeführt? Wie liefen die entsprechenden Verfahren ab? Und welche Rolle spielten Stadtrat und Stadtverwaltung während der nationalsozialistischen Zeit?Gerade darin liegt der besondere Wert der Sammlung: Postbelege können einen konkreten, anschaulichen Zugang zu historischen Entwicklungen schaffen. Ein Stempel, eine Adresse, eine Briefmarke oder eine Postkarte kann der Ausgangspunkt sein, um sich intensiver mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen einer bestimmten Zeit zu beschäftigen.
So wird aus einem Stück Papier ein Stück Stadtgeschichte – und aus der Beschäftigung mit alten Briefen, Karten und Stempeln eine spannende Spurensuche durch die Geschichte Straelens.


